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EIN KÄFIG VOLLER NARREN

24.10.2019
Komödie von Jean Poiret 
mit Lilo Wanders, Andreas Werth  u.a.
Regie: Florian Battermann 
Komödie am Altstadtmarkt

© Foto: Manfred Esser

Mehr Boulevard–Unterhaltung geht wohl kaum! Bereits als Film und Musical feierte diese Geschichte bemerkenswerte Erfolge, und auch als schrille und turbulente Theaterkomödie aus dem „Drag Queen Milieu“ mit Star– und Idealbesetzung Lilo Wanders wird dieser Klassiker zu einem Spielplan-Feger. Im Mittelpunkt der Komödie steht ein homosexuelles Paar: Georges, der Besitzer eines Nachtclubs, und sein langjähriger Freund Albin, als bezaubernde Zaza der Star der abendlichen Show. Aus Georges einzigem, kurzen Abenteuer mit einer Frau stammt sein Sohn Laurent, von Albin und ihm liebevoll großgezogen. Nun ist Laurent erwachsen, verliebt und drauf und dran, seine Angebetete zu heiraten. Die Familien der Verliebten sollen sich zur Verlobung natürlich kennenlernen. Was Laurent und seine Väter allerdings bis dahin noch nicht bedacht haben: seine Verlobte Muriel stammt aus einer erzkonservativen Familie. Unterschiedlicher könnten die Elternpaare kaum sein. Um ein Eklat und das Platzen der Hochzeit zu vermeiden, erklären sich Georges und Albin ihres Sohnes zuliebe bereit, eine konventionelle Familie vorzutäuschen, und versuchen, ihre Umgebung, einschließlich sich selbst, so harmlos und unauffällig wie möglich zu gestalten. Der Tag der Tage steht bevor, und mit vorangeschrittener Stunde wird das Überspielen der Heimlichkeiten doch ganz schön kompliziert. Das komödiantische Chaos ist vorprogrammiert, und es wird eifrig verwirrt, verwechselt und sich verplappert – zum allergrößten Vergnügen des Publikums. Als Albin übernimmt Lilo Wanders, die Kult-Diva und eine Art „moralische Instanz und Ratgeberin für alle Lebenslagen“, eine Rolle, die ihr wie auf den Leib geschrieben scheint - hinzu kommt ein achtköpfiges Ensemble, das mit Hingabe und Können die Pointenvorlagen liefert.

EIN MANN MIT CHARAKTER

10.12.2019
Lustspiel von Wilfried Wroost
mit Heidi Mahler und dem Ensemble des Ohnsorg-Theater Hamburg
Regie: Michael Koch
Nordtour Theater/Ohnsorg-Theater Hamburg
© Foto: Oliver Fantitsch
Ein Mann mit Charakter – das ist Bäckermeister Heinrich Hinzpeter, zugegebenermaßen. Doch mit seiner Besserwisserei haben es seine lieben Mitmenschen wahrlich nicht leicht. Nie lässt er jemanden ausreden und erfährt deshalb häufig nur die halbe Wahrheit. Als Mann mit Charakter hat er vor Jahren, als sein Bruder nach Amerika abgehauen ist, dessen schwangere Braut geheiratet. Die Ehe wurde allerdings vor sieben Jahren geschieden. Nun kündigt der Bruder seinen Besuch an. Wird jetzt Tochter Gisela erfahren, wer ihr richtiger Vater ist? Tochter Gisela weiß, was sie will, und lässt sich nicht so einfach mit dem ersten besten Bäckerburschen verheiraten. Sie hat ein Auge auf den Finanzbeamten Teufel geworfen, sehr zum Unwillen von Heinrich Hinzpeter. Zum Glück gibt es da noch Oma Dora, Heinrich Hinzpeters betagte aber rüstige Mutter. Oma Dora greift mit fester Hand ordnend ein und entwirrt das ganze Kuddelmuddel – tatkräftig, diplomatisch und natürlich herrlich schlitzohrig und zum Wohl von Familie und Betrieb. Heidi Mahler, Star des Ohnesorg Theaters und Tochter der unvergessenen Heidi Kabel, ist natürlich Oma Dora und wird zusammen mit dem Ohnsorg-Ensemble einen prallen Theaterspaß, einen Lustspielknüller mit Gemüt auf die Stadthallenbühne zaubern – ein unverwüstlicher Ohnsorg-Klassiker aus der Schatztruhe der Hamburger Bühne.

DAS DREIMÄDERLHAUS

20.01.2020
Operette von Franz Schubert/Heinrich Berté 
mit dem Ensemble der Operettenbühne Wien Musikalische Leitung: Prof. Heinz Hellberg Konzertdirektion Claudius Schutte München

© Foto: Claudius Schutte
Das typisch Wienerische auf die Bühne zu zaubern, liegt kaum jemand mehr als Prof. Heinz Hellberg und seiner Operettenbühne Wien. So schafft er auch mit seiner Inszenierung des „Dreimäderlhaus“ das Kunststück, dem entzückenden Singspiel rund um die amourösen Vorgänge bei einer abendlichen Schubertiade das Flair des damaligen Wien einzuhauchen – sozusagen Biedermeier pur. Die wunderbare Musik Franz Schuberts mit all seinen volkstümlichen Tänzen, Märschen und Ländlern bildete für Heinrich Berté eine ideale Grundlage, das Werk wurde rasch zu einem Welterfolg. Drei Schwestern, vier Herren, eine geplante Doppelhochzeit und eine intrigante Sängerin – allerlei Stoff für Missverständnisse und ein aufregendes Verwechslungsspiel, das sich um den schüchternen Komponisten Franz Schubert und die große Liebe zu Hannerl, seiner Gesangsschülerin dreht. Prof. Hellberg stellte eine Inszenierung auf die Beine, die nicht nur das Sentiment bestens bedient, sondern auch mit einer Fülle reizender Details antwortet – eine perfekte Herz-Schmerz-Mischung, garniert mit einer tüchtigen Portion Wiener Schmäh. Idealtypisch ist die Besetzung der Solisten zu nennen, das Orchester spielt einfühlsam, wunderschöne Kostüme und ein Biedermeier-Bühnenbild liefern den optischen Hintergrund – unverfälschte Operettenseligkeit, dem Werk und der Musik in Liebe zugetan.

DIESES BESCHEUERTE HERZ

18.02.2020
Tragikomödie von Daniel Meyer/Lars Amend
mit dem Ensemble der Landesbühne Rheinland Pfalz/ Schloßtheater Neuwied
© Foto: LB Rheinland-Pfalz
Die Tragikomödie, basierend auf der wahren Geschichte eines herzkranken Jungen, lockte als Film über zwei Millionen Zuschauer in die Kinos, das Buch des herzkranken Daniel Meyer und seines Co–Autors Lars Amend war Spiegel–Bestseller, und mit Spannung und Vorfreude wartet man nun auf die Uraufführung der Bühnenfassung durch die Landesbühne Rheinland-Pfalz. Daniel ist seit seiner Geburt schwer herzkrank und verbrachte seine ersten fünf Lebensjahre fast ausschließlich im Krankenhaus. Seine Lebenserwartung ist nie sehr hoch gewesen. Er weiß, dass jeder Tag sein letzter sein könnte – und er hat noch so viele Wünsche: Mal ohne Aufpasser sein, in einem tollen 5-Sterne-Hotel übernachten, soviel Schnitzel, Pommes und Cola zu bestellen, wie man möchte, ein fremdes Mädchen küssen, Mama endlich wieder von Herzen glücklich sehen und über alles ein Buch schreiben. Da trifft Daniel auf Lars, der ihm all seine Herzenswünsche erfüllt. Der neue „große Bruder“ schläft im Gästezimmer, geht mit ihm in die Schule, zum Arzt, ins Kinderhospiz. Sie schauen zusammen Champions League und drücken ihrem Lieblingsverein die Daumen. Allmählich entsteht eine tiefe, intensive Freundschaft, eine außergewöhnliche Beziehung. Sie teilen ihre Gedanken, Träume und Geheimnisse, sie erleben gemeinsam die schönen und traurigen Momente des Alltags, und sie geben niemals auf. „Dieses bescheuerte Herz“ ist anders. Anders als andere Biographien. Eindringlicher, vielleicht auch ehrlicher, vor allem berührender. Es ist eigentlich eine Abenteuergeschichte über Freundschaft, Zusammenhalt, Liebe und Hoffnung. Aufgeben gilt nicht, diese Geschichte macht Lust auf Leben, auf das, was wirklich zählt. Das Publikum darf gespannt sein, ob es dem Ensemble der Landesbühne unter der Regie von Andreas Lachnit gelingen wird, die Gratwanderung zwischen Lachen und Weinen mit Sensibilität und Intensität auf die Bühne zu bringen.

WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS

20.04.2020
Komödie nach dem Kinoerfolg von Simon Verhoeven
mit Antje Lewald, Steffen Gräbner u.a.
Regie: Michael Bleiziffer
Tourneetheater Thespiskarren
© Foto: Bernd Boehner
Angelika Hartmann, pensionierte Lehrerin und frustrierte Ehefrau, ist auf der Suche nach einer neuen Herausforderung und sinnvollen Beschäftigung fürs Alter. Warum also nicht soziales Engagement beweisen und einem Flüchtling übergangsweise ein Zuhause bieten? Nicht nur Ehemann Richard, Oberarzt in der späten Midlife-Crisis, ist von dieser Idee nur mäßig begeistert, auch die beiden Kinder sind mehr als skeptisch. Sohn Philipp, ein in Scheidung lebender Workaholic mit anstrengend pubertierendem Sohn, hat selbst genug Probleme. Sophie, seine Schwester, hat weder im Studium noch in der Liebe ein glückliches Händchen und wird vom Vater zunehmend unter Druck gesetzt. Trotz all dieser Konflikte entscheidet sich die Familie jedoch für die Aufnahme des Flüchtlings, und so zieht der afrikanische Asylbewerber Diallo, der auf eine baldige Aufenthaltsgenehmigung hofft, in das schöne Haus der gutsituierten Hartmanns in einem Münchner Nobelviertel ein. Abgesehen von ein paar Mentalitätsunterschieden könnte das Zusammenleben ganz harmonisch werden. Wenn, ja wenn da nicht die zahlreichen innerfamiliären Spannungen und die Einmischung durchgeknallter Alt-68er sowie verrückter Fremdenhasser aus der Nachbarschaft wären, die Chaos, Missverständnisse und spektakuläre Begegnungen mit der Polizei nach sich ziehen. Kurzum: Die Refugee–Welcome–Villa der Hartmanns wird zum Narrenhaus – sehr zum Vergnügen der Zuschauer. „Willkommen bei den Hartmanns“ hat es nach dem großen Kinoerfolg als Theaterstück geschafft, die cineastische Erinnerung schnell verblassen zu lassen. Mit Witz und Ironie werden die vielen Lügen und Selbstbetrügereien im Umgang mit Migranten messerscharf entlarvt und falsche Tabus aufs Korn genommen. Es sind manchmal bitterböse Pointen, und wenn’s nicht zum Heulen wäre, könnte man eigentlich darüber lachen. Was ja auch dann passiert: Der jubelnde Applaus am Ende wirkt beinahe befreiend und belohnt eine wunderbare Ensembleleistung.