Abo C

MR. PRESIDENT FIRST

18.10.2019
Schauspiel von Stefan Zimmermann 
mit Max Volkert Martens, Katharina Pütter u.a. 
Regie: Stefan Zimmermann 
a.gon München

© Foto: a.gon

Die Lounge eines noblen Golfclubs: Drei ältere Herren beschließen, ihr vermeintlich unter Lethargie und Verfall leidendes Land wieder zur führenden Wirtschaftsnation zu machen. Einer von ihnen soll deshalb der nächste Präsident werden. Mit geschickter Taktik, viel Geld, den unerschöpflichen Möglichkeiten von BigData und der Unterstützung ausländischer Geheimdienste gelingt der Plan sogar. Doch der frischgebackene Präsident nutzt seine neue Macht recht unverhohlen, um zuvorderst persönliche Ziele zu erreichen. Einem gewieften Unternehmer wie ihm bietet das liberal–demokratische System eine Fülle von Lücken, die er mit Leichtigkeit nutzen kann. Als die alten Freunde und Helfer endlich merken, dass Mr. President sie nur benutz hat, bahnt sich ein erbitterter Showdown an – und niemand bemerkt, dass mittlerweile eine Frau die politische Bühne betreten hat. Längst richtet sich die Aufmerksamkeit der Medien verstärkt auf Emely, Ex-Freundin des Präsidenten. Die starke liberale Partei „Liberaldemokratisches Bündnis“ entdeckt in Emely ein ungeahntes Zugpferd für neue Wähler. Sie wird ihre Kandidatin, und es kommt zur Abrechnung im TV-Duell vor Millionen Zuschauern ... Man muss nicht lange suchen, um die Steilvorlage für dieses Boulevardstück zu entdecken. Bei allem Dialogwitz, aller Situationskomik geht es hier nicht um simples Trump-Bashing, sondern um die Frage, wie sich die Spielregeln der politischen Willensbildung in Zeiten von Internet und noch nie dagewesener Medienvielfalt verändern. Und wo führt es hin, wenn vor Selbstverliebtheit platzende Egomanen an die Schalthebel der Macht gelangen? Und wenn mehr und mehr autokratisch agierende Populisten mit Billigung relevanter Teile der Bevölkerung regieren dürfen? Eine ebenso spannende wie unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus, glänzend in Szene gesetzt und mit Max Volkert Martens, Katharina Pütter, Angelika Auer u.a. außerordentlich gut besetzt.

HEISENBERG

02.12.2019
Stück in sechs Szenen von Simon Stephens 
mit Anna Stieblich und Charles Brauer 
Regie: Gerd Heinz 
Ernst Deutsch Theater Hamburg

© Foto: Christian Enger
Mit „Heisenberg“ zeigt das Ernst-Deutsch-Theater-Hamburg ein Werk des wohl wichtigsten und auch in Deutschland ausgezeichneten, zeitgenössischen Dramatikers Großbritanniens: Simon Stephens. Das Stück lässt sich als „Versuchsanordnung“ verstehen, und dass es den Namen des weltberühmten Physikers Werner Heisenberg als Titel trägt, hat keine allzu tiefen inhaltlichen Gründe. Mag sein, dass Heisenbergs Unschärferelation – vereinfacht: Jedes Ding wird, wenn man sich ihm immer weiter nähert, unscharf/Durch die Beobachtung als solche beeinflusst man die „Wirklichkeit“ bereits - Stephens zu seiner romantischen Komödie angeregt hat, doch das ist für die Rezeption nicht wesentlich. Auf einem Londoner Bahnhof küsst eine Frau (Georgie, 42) einen wildfremden Mann (Alex, 75) in den Nacken. Nun, im Moment nach dem Kuss, fängt das Stück an. Und dann beginnt sie, Georgie (quirlig, impulsiv, gesprächig und trotzdem einsam), das pedantisch geordnete Leben von ihm, Alex (schüchtern, schmallippig, alleinlebend, seiner großen unglücklichen Liebe nachtrauernd, Inhaber einer schlecht laufenden Metzgerei), durcheinander zu wirbeln. Georgie ist extrem anstrengend, erfindet in ihrer Sprunghaftigkeit beinahe sekündlich neue Geschichten über ihr bisheriges Leben und nimmt es nicht so genau mit der Wahrheit. Alex ist gleichzeitig beunruhigt und dennoch fasziniert von der chaotischen, unbändigen Energie der charmanten Nervensäge. Als nun Georgie Alex nach der ersten gemeinsamen Nacht um Geld bittet, um ihren Sohn in den USA ausfindig zu machen, trifft Alex eine überraschende Entscheidung … Wie lange wird die fragile Gemeinsamkeit von Georgie und Alex Bestand haben? Beiden genügt wohl ein unbestimmtes Zeitmaß, sie haben sich aus ihrer alten Existenz „befreit“. Charles Brauer und Anna Stieblich sind Alex und Georgie – und spielen geradezu perfekt ein typisch–unmögliches Komödiengegensatzpaar in dieser superb gebauten Duo-Sonate. Simon Stephens gelang ein wunderbar melancholisches, modernes Märchen – großes Theater.

TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN

12.02.2020
Drama von Arthur Miller 
mit Helmut Zierl, Patricia Schäfer u.a. 
Regie: Harald Demmer 
Altes Schauspielhaus Stuttgart

Kostenfreie Stückeinführung um 19.15 Uhr auf dem Balkon der Stadthalle (Vorstellungsbeginn 20.00 Uhr). Setzen Sie sich intensiver mit dem Schauspiel auseinander und erfahren Sie mehr über Autor, Zeit oder Thematik.

© Foto: Tom Philippi
Das 1949 uraufgeführte und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Meisterwerk ist auch heute, oder gerade heute, von beklemmender Aktualität. In Zeiten von Hartz IV, weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrisen und des Diktats des Neoliberalismus wird es zu einer treffenden Charakterstudie eines Menschen, der in einer rein dem Profit und der Rendite verpflichteten Gesellschaft zum Verlierer wird. Willy Loman ist nach Jahrzehnten zermürbenden Berufslebens alt geworden, die Verkaufszahlen sinken, seine Firma entläßt ihn. Halt sucht er bei seiner Familie vergebens, denn dieser ist der verschuldete Handlungsreisende schon längst fremd geworden. All seine Hoffnung hatte er auf seine beiden Söhne projiziert, doch beide sind in ihren Berufen gescheitert und sind genauso erfolglos wie der Vater. Vergeblich versucht Linda, Willys Frau, die aufbrechenden Konflikte zu kaschieren. Als Loman auch von seinen Söhnen zurückgestoßen wird, sieht er nur noch einen einzigen Ausweg und fällt eine radikale Entscheidung. Millers Entlarvung des „american dream“ als falschen Traum, der den Blick auf das eigene Leben verstellen kann, zeigt einen nicht wegzudiskutierenden Aspekt unserer aktuellen gesellschaftlichen Verwerfungen – die Lomans sind überall anzutreffen. In einer psychologisch präzisen Charakterstudie zeichnet Miller in dramaturgisch höchst eleganten Überblendungen und Zeitsprüngen den Weg nach, an dessen Ende die Lomans angekommen sind. Jede Aufführung des „Handlungsreisenden“ steht oder fällt mit dem Darsteller der Titelfigur: Helmut Zierl feilt diesen differenzierten Part mit intensiver Tiefenschärfe aus und brilliert in seinem ständigen Schwanken zwischen Euphorie, Zorn und Depression – am Ende sieht man einen gebrochenen, total erschöpften Mann. Großes Theater, minutenlange stehende Ovationen für eine exzellente Inszenierung und herausragende Darsteller.

VATER

13.03.2020
Tragikomödie von Florian Zeller 
mit Ernst Willhelm Lenik, Irene Christ u.a. 
Regie: Rüdiger Hentzschel 
Altes Schauspielhaus Stuttgart

Kostenfreie Stückeinführung um 19.15 Uhr auf dem Balkon der Stadthalle (Vorstellungsbeginn 20.00 Uhr). Setzen Sie sich intensiver mit dem Schauspiel auseinander und erfahren Sie mehr über Autor, Zeit oder Thematik.
© Foto: Sabine Haymann
Das aufwühlende Stück über einen alten, an Alzheimer erkrankten Mann spricht gegenwärtige Ängste an; erstaunlich ist, wie der französische Erfolgsautor Florian Zeller mit diesem brisanten Thema umgeht. Der 80-jährige André merkt, dass sich etwas verändert. Noch lebt er allein in seiner Wohnung und versucht, vor Anne, seiner ältesten Tochter, den Eindruck aufrecht zu erhalten, alles sei in Ordnung. Wobei ganz offensichtlich ist, dass er allein nicht mehr zurechtkommen kann. Also organisiert sie für ihn Pflegehilfen, mit denen er sich aber ständig streitet. Ein alter Mann, für den sich der Alltag mehr und mehr in ein verwirrendes Labyrinth verwandelt, auf der Spurensuche nach sich selbst. Weil seine Wahrnehmung sich immer mehr verschiebt, gerät er in eine Welt, in der seine Biografie nicht mehr gilt, weil die Welt, in der sie entstanden ist, am Verlöschen ist. Das Besondere an „Vater“ ist die ungewöhnliche Erzählstruktur. Erlebt wird die Handlung nämlich nicht chronologisch, sondern aus der Erlebniswelt des 80-jährigen heraus. Durch diesen Trick wird der Zuschauer emotional an die Hauptperson gebunden, erlebt mit ihr dieselben Momente des Glücks, teilt mit ihr die Situationen des Ausgeliefertseins, erfährt mit ihr die unbegreifliche Veränderung von Personen und Dingen und kann wie sie immer weniger unterscheiden. Was ist Realität, was Wahn oder Wunschvorstellung? Das klingt nach einem traurigen Theaterabend. Das Gegenteil ist der Fall. Zellers Text provoziert das Lachen. Die komödiantische Dynamik ergibt sich aus den abrupten Stimmungsschwankungen der Hauptperson, und trotz der verstörenden Präzision in der Darstellung entstehen auch komische, befreiende Momente. Alle Darsteller agieren mit viel Witz und Überzeugungskraft, doch der Abend gehört dem großartigen Ernst Wilhelm Lenik. Lenik haucht der Figur des demenzkranken Vaters auf grandiose Weise Leben ein, geradezu beklemmend authentisch. Ein ungewöhnlich intensiver, höchst interessanter Abend, der dokumentiert, dass Theater in seinen besten Momenten fast alles gleichzeitig kann: Zum Weinen bringen, Lachen machen, berühren, aufwühlen, nachdenklich stimmen und nicht zuletzt unterhalten.

GRIMMS MÄRCHEN. EINE WARNUNG.

02.04.2020
Die Grimm'sche Märchensammlung mal ganz anders 
von/mit Michael Quast und Philipp Mosetter Fliegende Volksbühne Frankfurt Rhein-Main
© Foto: FVF
Die Brüder Grimm – Sprachwissenschaftler, Volkskundler, „Gründungsväter“ der Germanistik, Märchen- und Sagensammler, verewigt auf Briefmarken, Münzen, Geldscheinen, Straßennamen und nicht zuletzt verankert in unserem kulturellen Bewußtsein –, ein „Monument“ deutscher Kultur. Da liegt es ja nahe, dass das Duo Quast/Mosetter nach den ebenso erheiternden wie erhellenden Klassikerbearbeitungen (Goethes Faust und Schillers Dramen) nun als „drittes“ Programm GRIMMS MÄRCHEN. EINE WARNUNG. präsentiert. Die Grimm´sche Märchensammlung erschreckt seit 200 Jahren die Kinder rund um den Globus. Wie konnte das passieren, was trieb die Brüder Jakob und Wilhelm zu ihrem Sammelwahn, was haben uns die Märchen heute noch zu sagen? Vielleicht deshalb der kryptische Hinweis EINE WARNUNG ... Um das endgültig zu klären, stellt Quast virtuos und liebevoll Hexen und Stiefmütter dar, gibt Bäumen, Bienen und Brünnlein mit Inbrunst Gestalt, während Mosetter als personifizierte Fußnote auszieht, den Germanisten mit Hingabe das Fürchten zu lernen. Das kongeniale Duo läuft tapfer durch den finsteren Wald drängender Fragen und stößt dabei auf unerhörte Antworten. Quast, der Meister der multiplen Rollengestaltung, und Mosetter, der allgegenwärtige Querulant, sezieren mit Eleganz und diebischer Freude die Grimm`sche Märchenwelt - und wenn sie nicht gestorben sind, dann bespaßen sie noch heute. Dieser Abend schließt eine bisher noch nicht da gewesene Lücke – wer ihn versäumt, bleibt auf immer verwunschen.