Abo D

DAS HAUS

01.11.2019

Komödie von Brian Parksi 
mit Anja Klawun, Sebastian Gerasch u.a. 
Regie: Thomas Luft 
Theaterlust München

© Foto: Hermann Posch

Seit über 20 Jahren leben die Rotemunds schon in ihrem geliebten Eigenheim am idyllischen Stadtrand. Die Kinder sind aus dem Haus. Ein gutes Leben, eine gute Zeit. Bevor nun aber aus all dem Guten um sie herum eine stille, langweilige Einöde wird, beschließen die beiden mutig, das Haus zu verkaufen und zu schauen, was das Leben im hinteren Drittel noch für sie bereithält. Leicht fällt ihnen diese Trennung nicht. Aber zum Glück hat man ja die beiden Lindners gefunden. Zwei wunderbare junge Menschen, die genau da stehen, wo die Rotemunds an diesem Platz vor vielen Jahren angefangen haben. Ihnen kann man das Haus mit gutem Gefühl verkaufen. Die Verträge sind unterschrieben, die Koffer nahezu gepackt. Die Schüsselübergabe soll nun auch symbolisch eine neue Zeit einläuten. Das will man in netter Runde mit einem guten Glas begießen. Soweit alles bestens! Oder nicht? Zu Beginn überschlagen sich alle mit Komplimenten und Nettigkeiten. Alles ist wunderbar: das Haus, die Lage, die Nachbarn! Als Moritz Lindner aber ganz nebenbei fallen lässt, sie wollten manche Räume vielleicht doch rot streichen, löst das eine erste Irritation aus. Aber wirklich nur einen kleine, noch ist alles völlig im Rahmen. Der beneidenswerte Zuschauer darf nun einem unvergleichlichen Anschwellen unterdrückter Konflikte beiwohnen. Kleine Unhöflichkeiten steigern sich zu massiven Beleidigungen ohne Gnade und Tabus. Political Correctness war gestern. Die nun folgende apokalyptische Zimmerschlacht wird bis aufs äußerste geführt. Das Noch-Wohnzimmer der Rotemunds wird zur modernen Arena, in der vier Gladiatoren ums nackte Überleben kämpfen. Grandios entwirft Brain Parks eine Konversation, die aber auch wirklich an allen Weichen so falsch abbiegt, dass es eine pure Freude ist. Schwarz ist der Humor, rasant das Tempo. Ein Stück, so unterhaltsam wie eine Mischung aus Yasmina Rezas Beziehungskomödien und Eward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Formidable Unterhaltung mit dem Ensemble Theaterlust München um die immer wieder beeindruckende Anja Klawun.

MOTOWN GOES CHRISTMAS

17.12.2019
Weihnacht im Motown-Sound mit den Stars von "MOTOWN - Die Legenden" und Band 
EURO-STUDIO Landgraf

© Foto: Konzertdirektion Landgraf
Im Januar 1959 gründete Berry Gordy jr. als Musikproduzent und Songschreiber das Plattenlabel MOTOWN RECORDS in Detroit. Bereits wenige Jahre später verkaufte MOTOWN mehr Singles und brachte mehr Hits heraus als jede andere Plattenfirma. In der klassischen Motown-Ära der 1960er setzte die Professionalität der Motown-Künstler Maßstäbe in puncto Komposition, Interpretation und Choreografie, die bis heute unübertroffen sind. Es ist nahezu unmöglich, den sofort wiedererkennbaren, groovigen MOTOWN-Sound nicht zu lieben, diesen Mix aus unverwechselbaren Stimmen, Frage–und-Antwort–Arrangements afro-amerikanischer Kirchentradition, Popmusik-Elementen, virtuosen Jazz-Anleihen und unwiderstehlichen Rhythmen. Und was könnte schöner sein, als sich die Adventszeit mit dem MOTOWN-Sound auf eine ganz spezielle Art und Weise zu versüßen? Paart man das Ganze noch mit zeitlosen Weihnachtssongs, wird die Mischung unwiderstehlich. Deshalb nahmen die Stars – Diana Ross & The Supremes, The Jackson 5, The Temptations, Stevie Wonder uvm. - jede Menge Christmas-Klassiker auf, die bis heute von ihrer Musikalität nichts eingebüßt haben. Mit „MOTOWN GOES CHRISTMAS“ zeigt das EURO-STUDIO Landgraf zum 60. Geburtstag des legendären Labels eine Show, die selbst den eingefleischtesten Weihnachtsmuffel zum Schmelzen bringen dürfte: Mal heiter, mal besinnlich widmen sich fünf formidable Sängerinnen und Sänger, begleitet von einer exzellenten Live-Band, unvergesslichen MOTOWN-Weihnachtshits und den kleinen, aber feinen Anekdoten hinter den Songs.

FEHLER IM SYSTEM

03.02.2020
Komödie von Folke Braband 
mit Jürgen Tarrach, Jasmin Wagner u.a. 
Regie: Folke Braband 
Schlosspark Theater Berlin
© Foto: Derdehmel
Emma setzt Oliver vor die Tür. Endlich. Doch kurz darauf ist Oliver zurück und begrüßt Emma mit seltsam monoton klingender Stimme. Wie sich herausstellt, ist Oliver 4.0 eine KI, eine Künstliche Intelligenz, ein menschenähnlicher Computer, der über die Agentur Partnercook.com als Haushaltsroboter für Emma vermittelt wurde. Der mechanische Wunderknabe erweist sich schon bald als perfekter Ersatz für den „echten“ Oliver, und nach und nach entwickelt die virtuelle Hilfe ungeahnte Fähigkeiten. Das gefällt vor allem Emmas Vater namens Lea, der sich gerade einer Geschlechtsumwandlung unterzieht. Nach 40 Jahren in einem männlichen Körper möchte er endlich eine Frau werden. Das versteht Oliver 4.0 besser als Emma. Im Laufe des Geschehens entwickelt die virtuelle Haushaltshilfe eine erstaunliche Gewandtheit, nimmt zusehend menschliche Züge an und erweist sich immer mehr als perfekter Ersatz für den echten Oliver. Es funkt zwischen Emma und dem künstlichen Oliver. Heikle und anspruchsvolle Themen – hier die Reproduktion des gläsernen Menschen, Künstliche Intelligenz und letztendlich auch das Thema Geschlechtsumwandlung – mit komödiantischem Esprit zu einer temporeichen Komödie zu verknüpfen, ist ein Kunststück. Folke Braband ist es gelungen. Einen großen Teil seiner Qualität bekommt diese Inszenierung durch seine Schauspieler. Köstlich–hinreißende, nie in den Klamauk ausufernde Szenen hat der superbe Jürgen Tarrach als Lea. Ein Komödiant von hohen Gnaden, der mit Ironie, Charme und einem Schuß neurotischer Attitüde und unter exzellenter Unterstützung von Maske und Kostüm seinen/ihren Platz im Leben sucht. Den doppelten Oliver verkörpert Tommaso Cacciapuoti mit großem Differenzierungsvermögen, virtuoser Artikulation in nicht einfachen, temporeichen Verquickungen. Daneben agiert Jasmin Wagner als liebenswert–kratzbürstige Emma, kraftvoll, robust und enthusiastisch kommt Guido Hammesfahr als Chris daher. So entsteht ein amüsanter Theaterabend, der zum Nachdenken anregt, dabei aber nicht die Lachmuskeln verkümmern lässt.

4000 TAGE

03.03.2020
Ernste Komödie von Peter Quilter 
mit Mathias Herrmann, Raphael Grosch u.a. 
Regie: Boris Aljinovic 
EURO-STUDIO Landgraf
© Foto: Paul Zimmer
Was bedeutet es, in der Gegenwart zu leben ohne die in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen? Wie wichtig sind Erinnerungen überhaupt? Woran erinnern wir uns und warum? „4000 Tage“ ist eine Komödien-Kammerspiel, das diese Fragen aufwirft und dem es auf intelligente Art und Weise gelingt, das Thema Amnesie spannend und unterhaltsam, je geradezu witzig und boulevardesk in Szene zu setzen. Nach einem Blutgerinnsel, das sich unerwartet in seinem Gehirn gebildet hat, liegt Michael seit drei Wochen im Koma. An seinem Krankenbett wachen Tag und Nacht abwechselnd und manchmal gleichzeitig seine verbitterte Mutter Carol und sein Lebenspartner Paul. Carol und Paul vereint zwar die Sorge um Michaels Gesundheit, aber nicht weniger auch ihre abgrundtiefe gegenseitige Abneigung. Als Michael schließlich erwacht, stellt sich heraus, dass elf Jahre seiner Erinnerung perdu sind. Es sind die elf Jahre, die er mit Paul zusammengelebt hat – 4000 Tage … Von nun an geht es um die Deutungshoheit über diese verlorene Zeit. Carol und Paul verfolgen dabei ganz gegensätzliche Motive. Während Paul Himmel und Hölle in Bewegung setzt, Michael die Jahre mit ihm wieder in Erinnerung zu rufen, versucht Carol, den Umstand für sich auszunutzen, dass Michael seinen Lebenspartner Paul und die 4000 Tage, die er mit ihm zusammen war, vergessen hat. Sie sieht darin ihr Chance, Paul schlicht und einfach auszubooten und Michaels Leben neu zu starten. Ein Leben, in dem sie endlich wieder eine wichtige Rolle spielt. Das Stück entwickelt sich vom anfänglichen Boulevardstück in ein anrührendes Kammerspiel, und dem brillanten britischen West-End und Broadway-Autor Peter Quilter gelingt es fast spielerisch, durch seine beneidenswerte Detailschärfe und eine elegante, dialogische Situationskomik dem sensiblen Thema einen hohen Unterhaltungswert zu verschaffen. Dass es ebenso stark berührt, beweisen die Diskussionen in der Pause und nach der Vorstellung. Mit Mathias Herrmann, Raphael Grosch und Mona Seefried stehen dabei drei Protagonisten auf der Bühne, die diese Gratwanderung bravourös meistern.

NATHALIE KÜSST

25.04.2020
Romantische Komödie von Anna Bechstein 
mit Ursula Buschhorn, Peter Kremer u.a. 
a.gon Theater München
© Foto: Marina Maisel
Ein Kuss mit dem niemand gerechnet hat, nicht einmal die Küssende selbst – das hat Folgen und ist eine gute Idee für eine Komödie. Das Leben läuft perfekt für Nathalie, der Himmel hängt voller Geigen, sie hat ihre große Liebe geheiratet und einen soliden Job. Doch dann stirbt ihr Mann bei einem Unfall. Von einem Tag auf den anderen wirft sie das Schicksal aus der Bahn. Die Witwe stürzt sich in die Arbeit, macht Karriere und ist unempfindlich für jede scheue Zudringlichkeit. Bis sie eines Tages, mehr aus Versehen denn aus Sehnsucht, ihren Mitarbeiter Markus küsst. Markus ist von empörender Unscheinbarkeit, seine Erscheinung - die schütter-strubbeligen Haare und die hängenden Schultern - dementiert jeden Anflug von Romantik. Dagegen Nathalie: hübsch, anmutig, charmant. Zunächst will sich der Zauber einer neuen, unverhofften Liebe nicht einstellen, doch allmählich wird aus dem zufälligen Missverständnis Liebe und Zuneigung – ein romantischer Pakt gegen die Konvention. Eine zärtliche Liebeskomödie, eine moderne Mischung aus „Dornröschen“ und „Die Schöne und das Biest“ und mit den TV-Stars Ursula Buschhorn, Peter Kremer, Michel Guillaume u.a. wunderbar besetzt.